Montag, 16. November 2015

[Gedankenkiste] #PrayForParis and #PrayForTheWorld

[Gedankenkiste] #PrayForParis and #PrayForTheWorld
"Speechless and heartbroken.

Das war alles, was ich in jenem Moment fühlte. Alles, was ich dazu sagen konnte. Ich war nicht in der Lage all das in Worte zu fassen. Das Geschehene, das was es für mich und uns bedeutet und das, was ich fühlte und immer noch fühle. Denn mein Kopf war einzig und allein gefüllt von drei vorherrschenden Gefühlen:

Grausames Entsetzen. 

Sprachlosigkeit. 

Und Hilflosigkeit. 

Mit diesen Gefühlen bin ich zu Bett gegangen - um dann von Gedanken gequält wach zu liegen - und auch wieder aufgestanden. Aufgewühlt und verwirrt, immer noch entsetzt und noch viel entsetzter, als ich die neuen Zahlen in der Zeitung las. Schlafen gegangen bin ich bei 26 Toten. Am nächsten Morgen waren es 120. Da kamen neue Gefühle in mir auf. 

Wut. 

Angst.

Trauer. 

Wütend auf all die Menschen, die zu solchen Grausamkeiten fähig sind. Die nicht verstehen, dass wir doch alle irgendwie gleich sind. Und gleich viel wert. Wütend, dass so etwas immer und immer und immer wieder geschieht und sich doch nie etwas ändert. 

Angst, dass so etwas noch häufiger vorkommt. Angst um die Menschen, die ich kenne und die in Paris leben oder ihren Urlaub dort verbracht haben. 

Und Trauer um all die Opfer und ihre Angehörigen und Freunde. 

Das Wochenende habe ich wie in Trance verbracht. Abgeschnitten von der Welt. Allein mit meinen Gedanken und Gefühlen. Gequält. 
Es fühlt sich seltsam an, dass heute Montag ist. Dass man wie immer zur Arbeit oder zur Schule geht. Für mich fühlt es sich falsch an. Denn ich bin noch nicht soweit. 

Es gibt eine Zeit der Trauer. Und für mich ist diese Zeit jetzt. 

Ich verurteile niemanden, der zu seinem Leben wie gewohnt zurückkehrt. Der Posts über belanglose Beautysachen veröffentlicht und wie gewohnt lacht und tanzt. Vielleicht tun diese Menschen es aus Selbstschutz, weil sie diese Grausamkeiten nicht so nah an sich heranlassen wollen. Vielleicht tun sie es auch einfach, weil ihnen die Attentate egal sind. Und vielleicht auch gerade um den Terroranschlägen etwas an Bedeutung zu nehmen - um sich und der Umwelt zu zeigen, dass das Leben dennoch lebenswert ist. Ich kann und darf und will nicht über diese Menschen urteilen. Das ist nicht meine Aufgabe. 
Doch für mich ganz persönlich ist es noch zu früh um alles zu vergessen und zurückzukehren. 

Für mich ist die Zeit der Trauer jetzt. 

Doch es ist nicht nur eine Zeit der Trauer. Es ist auch eine Zeit, in der wir erkennen müssen, dass es völlig egal ist, aus welchem Land wir kommen, welche Sprache wir sprechen, welcher Religion wir angehören. Denn letztendlich sind wir im Herzen ein und dasselbe: Menschen. Wir haben andere Menschen, die wir lieben und denen wir wichtig sind. Und wir sollten uns gerade in diesen Zeiten klar darüber werden, dass es genau das ist, worauf es ankommt: Unsere Vorurteile über Bord zu werfen und zusammen zu stehen! Der Welt zu zeigen, dass wir zusammenhalten. Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam können wir uns helfen. Aufrecht halten. Frieden erhalten. Jetzt ist eine Zeit, in der wir aufrecht stehen müssen. #NousSommesUnis
Hand in Hand und gemeinsam. 

Gemeinsam gegen den Hass.

Gemeinsam gegen Terror.

Gemeinsam gegen Vorurteile. 

Gemeinsam für Frieden. Und Liebe. Und Leben. 

Heute gab es eine europaweite Schweigeminute. In meiner Berufsschule wurde die Durchsage der Direktorin mit lauten Protesten begleitet. "Was soll der Scheiß? Ich soll schweigen wegen dem? Das ist doch alles nicht so schlimm!" oder "Das passiert in Syrien jeden Tag! Die Franzosen sollen sich nicht so anstellen!" - das und so viel anderes habe ich heute gehört. Und es hat mich entsetzt. Zutiefst entsetzt. Die Schweigeminute wurde von meinen Mitschülern im Übrigen ignoriert. 

Ja, in Syrien sterben täglich Menschen. Genauso wie in so vielen anderen Ländern dieser Welt. Wenn ich gläubig wäre und beten würde, dann würde ich nicht nur für Paris beten. Sondern für alle Menschen in Syrien. In Afghanistan. In Afrika. Ich würde für die ganze Welt beten. Und auf meine ungläubige Art und Weise tue ich genau das. Ich bete für die Welt, auch wenn ich Atheist bin. Mich entsetzen die vielen Attentate in Syrien auch. Und ich bin so unendlich traurig über diese Geschehnisse in der Welt. Doch soll ich deswegen Paris ignorieren? Weil das ja alles nicht so schlimm ist? Weil das in anderen Ländern der Welt täglich passiert? Weil dort viel mehr Menschen starben?

Nein.

Denn man kann doch nicht ein Leid gegen ein anderes Leid aufwiegen! 

"Das passiert in Syrien täglich! Die paar Franzosen wiegen da doch nicht so schwer! Und keiner interessiert sich für die Syrer!
Ich war so entsetzt über diese Worte, dass ich die Person sprachlos angestarrt habe. Ich war nicht in der Lage zu antworten. Zu reagieren. 
Täglich passieren grausame Dinge auf der Welt. Bomben. Schießereien. Morde. Vergewaltigungen. Missbrauch. Krankheiten. Darf ich nun nicht um all die Getöteten in Paris trauern, weil es so viel weitere Tote gibt? Sind die Toten in Paris weniger wert, weil in anderen Ländern sehr viel mehr gestorben sind?

Nein. Und dafür gibt es mehrere Gründe. 

Wie kommt man nur auf die Idee, ein Leid mit einem anderen zu vergleichen? Wer würde auf die Idee kommen, einer Mutter zu sagen, dass der Tod ihres Kindes weniger wiegt als der Tod eines anderen Kindes, weil Kind Nummer 1 in Deutschland gestorben ist, während Kind Nummer 2 an einem Ort gestorben ist, in dem noch weitere getötet wurden? Für Angehörige und Freunde bricht eine Welt zusammen. Für diese Mütter bricht eine Welt zusammen. Egal ob in Deutschland, Frankreich, Syrien oder Brasilien. Die Welt steht still. Deine Welt steht still und du begreifst nicht, wie du weiter leben sollst. Wie die Welt sich einfach weiter und weiter dreht, während deine für immer verändert ist. Möglicherweise für immer still steht. Also nein, ein Leid wiegt weder mehr noch weniger als ein anderes Leid. Und für so viele Menschen ist die Welt in Paris am Freitag, den 13. November für immer stehen geblieben. Für die Opfer, die nie wieder lachen und tanzen können. Und für die Angehörigen und Freunde, die die Welt nie wieder so sehen wie zuvor. Und für all diejenigen, die bei den Attentaten dabei waren und überlebten. Die Grausamkeiten, die sie gesehen haben. Und all dieses Leid wiegt schwer und ist es sehr wohl wert, betrauert zu werden! 

Syrien ist Kriegsgebiet. Täglich gibt es Tote. Bomben. Schießereien. Hinrichtungen. Und genau das ist es, was es von Frankreich unterscheidet. Frankreich ist ein Land, welches in Frieden lebt. Im Krieg gibt es keine Schweigeminuten für all die Toten, die es täglich gibt. Doch Frankreich ist ein Land, welches kein Kriegsgebiet ist. Ein Land, welches in seinem Frieden angegriffen wurde - auf brutale Art und Weise. Und deswegen finde ich die Schweigeminute durchaus angebracht. Und dass man in diesen Tagen auf Frankreich schaut. Die Opfer diesen Attentates betrauert. Man sollte niemals all die Toten vergessen, die durch den Krieg sterben. Oder durch Hunger. Doch Paris ist etwas, das uns - zumindest mich - aus der Bahn geworfen hat. Weil ich es nicht erwartet habe. Weil ich so unfassbar erschrocken und entsetzt darüber bin. 

Doch es gibt noch einen weiteren Grund. Frankreich ist unser Nachbar. Mehr als das. Freunde. Eine Einheit. Nicht umsonst sind wir eine Europäische Union - und deswegen sollten wir eine Einheit sein. Zusammenhalten. Wir sind eine Familie. Ich kenne Menschen, die in Frankreich leben. Die dort ihre Urlaube verbringen. Ich war selbst in Paris und zähle einige dieser Erinnerungen zu den schönsten in meinem Leben. Und genau das macht die Attentate so greifbar. Wir kennen die Stadt. Wir kennen die Menschen. Sprechen vielleicht sogar ihre Sprache. Es ist eben nicht "weit weg". Wenn etwas in Europa passiert - Frankreich, UK, Italien,... - dann habe ich Menschen, um die ich Angst habe. Weil ich Menschen dort kenne. Panisch tippe ich auf dem Smartphone herum, um herauszufinden, ob es allen gut geht. Schaue auf Facebook, Twitter, Instagram nach, ob jemand etwas gepostet hat. Etwas wie "Mir gehts gut" oder "Alles okay." Denn die Angst schnürt einem die Luft ab. Das Herz ist schwer und panisch. Paris ist greifbar. Es gehört eben auch zu uns. Und das macht es für uns eben auch präsenter. 

Und last but not least. Ein Angriff auf Frankreich bedeutet auch ein Angriff auf uns. Verbündete. Eine Union. Freunde. Das ist Frankreich für uns. Verletzt ihr Frankreich, verletzt ihr Europa. Verletzt ihr einen Franzosen, verletzt ihr auch einen Deutschen. Und einen Engländer. Es ist ein Angriff auf unseren Frieden. Auf unsere Freiheit. Auf unser Leben. #JeSuisParis 

Also ja, ich bete für Paris. Und ich bete für die Welt. Völlig losgelöst von allen Religionen. Ich trauere um die Opfer in Paris. Und ich trauere um die anderen Opfer der Welt. Und ich hoffe, dass wir irgendwann in einer Welt leben können, in denen so etwas nicht mehr passiert. Eine Welt ohne Krieg. Ohne Attentate. Und auch eine Welt ohne diesen gegenseitigen Hass. Vorurteile. 

Eine letzte Bitte: Jeder geht mit seiner Trauer anders um. Und wir sollten niemals (!) diese Weise kritisieren. Gerade in dieser Zeit sollten wir zusammen halten, stattdessen gibt es gegenseitige Anfeindungen auf jedem Social Media Kanal. Man ändert sein Facebookbild in die Frankreichfarben - man wird kritisiert, dass man das tut, weil es bringt ja nix. Für mich ist es eine Weise der Anteilnahme. Solidarität. Sicher, es verändert nichts, aber es setzt ein Zeichen. Ändert man es nicht, wird man gefragt, warum man denn keine Stellung bezieht. Teilt man das Eiffelturm-Peace-Zeichen wird man beschuldigt, dass man die Toten in anderen Ländern ja gar nicht beachte. Was immer man tut - es scheint alles falsch zu sein. Können wir nicht einfach einmal still sein? Jeden leben lassen, wie er es für richtig hält? Trauern lassen, wie er es für richtig hält? Und an alle, die diese Katastrophe ausnutzen, um gegen Flüchtlinge zu wettern: Denkt doch bitte einmal daran, dass diese Menschen genau davor flüchten! Sie fliehen vor dem Terror. Vor Bomben und Gewalt und Tod. Wie können wir sie dafür verurteilen? 

Ich weine um die Opfer in Paris. Ich weine um Elias und Mohamed und all die Kinder, die misshandelt und / oder getötet werden. Ich weine um die Toten in Syrien, Afrika, Japan. Ich weine um Frauen, die geschlagen werden. Vergewaltigt. Ich weine um die Welt. Denn eigentlich ist das keine Welt, in der ich gerne lebe. Und ich hoffe, wir werden endlich einen Weg finde, unsere Welt zu retten. Um in Frieden leben zu können. Ich hoffe, ich weine, ich bete. Und ich tue alles in meiner Macht stehende, um etwas zu ändern. Akzeptanz, Toleranz, Liebe, Frieden - das fängt schon im Kleinen an. Also versuche ich genau das: bin meiner Umwelt gegenüber tolerant. Versuche, alle Meinungen zu akzeptieren - auch wenn mir das manchmal schwer fällt. Ich versuche, den Menschen mit Offenheit und Liebe zu begegnen. Versuche, den Frieden zu erhalten. Selbst wenn es nur ein kleiner Frieden ist. Ein kleiner Anfang ist es. Und vielleicht erreichen wir irgendwann das Ziel. 

Solidarität.
Liebe.
Toleranz.
Akzeptanz.
Frieden. 

[Gedankenkiste] #PrayForParis and #PrayForTheWorld

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