Sonntag, 13. September 2015

[Sunday Thoughts] Blogger für Flüchtlinge - Was denken sich die Menschen bloß?

#bloggerfuerfluechtlinge



Flüchtlinge. Ein Thema das uns alle betrifft. Ein Thema, vor dem man selbst nicht mehr flüchten kann - die Medien berichten tagtäglich und gerade in Großstädten wie München erlebt man die Züge voller Flüchtlinge live. Nein, man kann die Augen nicht mehr verschließen. Und weder sollten wir das tun noch will ich das. Denn wir sollten uns mal genau überlegen, in was für einem Land wir leben. Uns unsere Geschichte vor Augen halten. Und an unsere eigene Humanität appellieren. Wenn ich manche Menschen in meiner Umgebung sehe und höre, dann schäme ich mich für sie. Dann schäme ich mich, diese Person zu kennen. Oder auch nur gleicher Nationalität zu sein. Dann schäme ich mich, Deutsche zu sein. 

"Ich bin kein Nazi, ABER..." 
Viel zu oft habe ich diesen Satz in letzter Zeit gehört. Und es macht mich so wütend! Aussagen wie die, dass die Flüchtlinge wieder zurückgehen sollen von wo sie hergekommen sind. Dass sie doch eh alle nur an unser Geld wollen. Unsere Jobs. Unsere Wohnungen. Da wo die herkommen ist es doch gar nicht so schlimm! 

Was denken sich die Menschen bloß? 

Glauben diese "Ich bin kein Nazi, ABER"-Menschen wirklich, dass man aus Spaß alles zurücklässt? Seine Heimat, sein Zuhause, seine Arbeit, möglicherweise sogar seine Familie? Glauben die wirklich, dass man sich auf eine so gefährliche Reise begibt einfach nur aus Jux und Tollerei? 
Sicherlich, es gibt sie, diese Menschen, die hierher kommen, um Arbeitslosengeld zu bekommen. Aber das ist ein kleiner Bruchteil. Die meisten Flüchtlinge kommen nach Deutschland, weil sie sich ein besseres Leben erhoffen. Weil sie sich für sich und ihre Familie, ihre Kinder, eine bessere Zukunft wünschen. Und was ist falsch daran? 

"ABER..." - Nein, es gibt kein Aber. Deutschland ist ein Land der Einwanderung. Und das nicht erst seit diesem Jahr. Das war es schon immer. Deswegen gibt es auch keinen "typisch Deutschen". Durch die vielen Länder, die an Deutschland grenzen, gab es hier schon immer viele Wanderungen. Ein Durchgangsland. Wer denkt, ein Arier wäre "typisch Deutsch" verschließt die Augen vor der Geschichte. Vor unserer Geschichte. Die Römer und die Germanen. Die Hunnen. Wie viele sind nach Amerika ausgewandert, um dort ein besseres Leben zu führen? Deutsche Wirtschaftsflüchtlinge, genau. Die Industrialisierung, in der viele Polen nach Deutschland kamen, um hier Arbeit zu finden. Sie wurden gerne aufgenommen, denn sie wurden gebraucht. Wie viele haben versucht, das Land zu verlassen, während der beiden Weltkriege? Kriegsflüchtlinge. Dann das Weltwirtschaftswunder. Und die vielen, vielen Gastarbeiter, die dringend gesucht wurden. Einwanderer. Und wie viele haben versucht, die DDR zu verlassen, um in Westdeutschland zu leben? Politische Flüchtlinge. Wirtschaftsflüchtlinge. Deutschland. Ein Land der Einwanderer. Und Auswanderer. Flüchtlinge, die hier Zuflucht gesucht haben und Flüchtlinge, die von hier geflüchtet sind. Wie können wir da heute dastehen und so ignorant sein? So intolerant? Wie können wir die Augen verschließen vor all dem Leid? Der Tragik? 

Meine Urgroßmutter kam ursprünglich aus Ungarn. Während des zweiten Weltkrieges wurde sie aus ihrer Heimat vertrieben und hatte die Wahl zwischen Deutschland und Russland. Sie wählte Deutschland. Sie wurde in einen Zug gesetzt und wusste nicht einmal, wo sie landen würde. Ihre Geschwister wurden in andere Städte geschickt, dort, wo sie ausgestiegen sind, sollten sie bleiben. Meine Uroma hatte Glück. Sie landete nicht in einer Großstadt, sondern auf dem Land. Und dort versuchte sie mit ihrer 4-jährigen Tochter zu überleben. Sie ging dorthin, wo sie etwas zu essen fand. Dorthin, wo sie all ihr Hab und Gut gegen Lebensmittel eintauschen konnte. Dorthin, wo die Menschen noch freundlich waren. Bereit waren zu tauschen. Und bereit, einem 4-jährigen Mädchen etwas von ihrem eigenen Essen abzugeben. Meine Uroma war ein Flüchtling. Sie sprach Deutsch bereits bevor sie in dieses Land kam, aber bis zu ihrem Tode hatte sie Probleme, in Deutsch zu schreiben. Das hatte sie einfach nie richtig gelernt. Sie integrierte sich. Und ihre Tochter. Genauso wie ihr Mann, der aus russischer Kriegsgefangenschaft einige Zeit nach Kriegsende befreit wurde. Sie wurden zu Deutschen und ließen ihre Heimat zurück. Jahrelang wusste ich nicht einmal, dass sie eigentlich aus Ungarn kamen, denn über diese Zeit sprachen sie nicht gerne. Meine Oma erzählt hin und wieder, aber sie war ja erst 4, sie weiß - zum Glück - nicht mehr allzu viel. Nur an die Gänse kann sie sich erinnern. Wie sie sie gejagt haben, wenn sie auf einem Bauernhof nach Essen gefragt haben. Deswegen hat sie bis heute eine ausgeprägte Phobie vor Gänsen. Und sie kann sich daran erinnern, wie freundlich viele der Menschen waren, wenn sie mit ihrem kleinen Holzwägelchen vor der Tür stand und um etwas zu essen bat. Sie hatte die Chance zu überleben, weil die Menschen in diesem Land ihr halfen wo sie nur konnte. Sie war ein Flüchtling, der hier aufgenommen wurde von hilfsbereiten Menschen, die selbst in großer Not steckten. Wie können wir da heute sagen "Flüchtlinge raus"? Wir, die oftmals selbst Flüchtlinge waren oder die Nachkommen von Flüchtlingen? Wir, die nicht in großer Not stecken, wie unsere Vorfahren in jener Zeit? Uns geht es gut. Deutschland geht es gut. Und trotzdem gibt es so viele Menschen in diesem Land, die die Augen verschließen vor dem was mal war, dem was jetzt ist und dem, was vielleicht noch kommen mag. Ich weiß nicht, warum diese Menschen so radikal sind. Ob aus purem Hass und Rassismus. Oder aus Angst. Angst vor der Islamisierung oder Terrorismus. Oder einfach nur die Angst davor, dass sie "uns unsere Jobs wegnehmen und unser Geld." Ich weiß es nicht. Aber so oder so kann ich es nicht verstehen.

Diese Menschen brauchen unsere Hilfe. Und wir haben die Möglichkeit und die Mittel zu helfen. 

Wir können Geld spenden. 

Wir können Sachen spenden. 

Wir können Spenden sammeln. 

Wir können vor Ort helfen. 

Wir können gemeinsam dafür sorgen, dass Flüchtlinge hier ein neues Zuhause bekommen. Dass sie sich integrieren können und hier eine neue Zukunft finden. Eine Zukunft ohne Krieg und Leid. Ohne politische Verfolgungen. Eine Zukunft, in der sie das werden können, von dem sie immer geträumt haben. 

Vom Tellerwäscher zum Manager. Der amerikanische Traum. Wie viele Deutsche sind diesem Traum in Amerika nachgejagt? Und für die Flüchtlinge ist ein Leben hier der deutsche Traum. Ihr Traum. Und wir können dafür sorgen, dass er wahr wird. 

Helft den Flüchtlingen. Damit sie in Frieden leben können. 
Engagiert euch. Spendet. Helft auf die Art und Weise, wie ihr helfen könnt. Selbst einfach nur eure Überzeugung und Meinung kund zu tun kann helfen! Ob im persönlichen Gespräch mit Freunden oder in Form eines Artikels oder ähnliches - zeigt den Flüchtlingen und euren Mitmenschen, dass Deutschland nicht von Rassisten besiedelt ist, sondern von humanen und sozialen Menschen. 

Refugees welcome.   

1 Kommentar:

  1. Hallo, Madita! Ein sehr schöner Beitrag zu diesem heißen Eisen. Ich freue mich über Deine deutlichen und fundierten Worte. Zudem hoffe ich, dass die schweigende Mehrheit es Dir gleich tut und ebenfalls nicht mit solchen Positionen hinterm Berg hält. Wir dürfen die Welt nicht menschenverachtenden Laut- und Schaumschlägern überlassen. - LG Günther

    Mit freundlichen Grüßen
    Günther Klößinger | info@kloessinger-krimi.de

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